1 UN-General, 3 Präsidenten, 4 Premierminister und unser einziger Kanzler. Da war es im Davos von Hawaii mit der Ruhe vorbei. “Heute” schrieb mit.

Hainan begann mit einer Überraschung. Nicht weil es auf der Insel im Süden Chinas, rund 20 Kilometer vor dem Festland, 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit wie im Regenwaldhaus von Schönbrunn hat, sondern weil im Hotelzimmer etwas stand, was ich an einem solchen Ort schon lange nicht mehr gesehen hatte: ein Aschenbecher. Eine Reaktion auf diesen Umstand von Van der Bellen ist nicht überliefert, vielleicht konnte er sich, wie schon beim Geigenautritt von Anna Cäcilia (7), nicht von den Tränen befreien. Wir müssen zur Klärung wohl auf Bilder auf Instagram hoffen.

Das Hotel, in dem wir auf Hainan wohnen, heißt “Vienna“. Eventuell liegt das an den Mozartfresken an der Mauer hinter der Rezeption – ich glaube aber, die sind nicht echt. Ob Mozart je hier war, wollte ich nicht mehr erfragen, weil wir erst knapp vor Mitternacht ankamen, das Gepäck folgte uns dann um 2 Uhr früh. Glücklicherweise mussten wir erst um 6 Uhr raus.

Chinesischer Humor

Der Präsident und der Kanzler und ihre Entouragen wohnen woanders, ein Stück weiter den Hügel hinauf und das ist durchaus auch qualitativ gemeint. Das Hotel heißt trotz dieser Lage interessanterweise “Golden Coast”, aber das ist vermutlich dieser typisch chinesische Humor, den auch der selbst sonnige Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl so schätzt. Die Japaner, sagt er, sind die Deutschen Asiens und die Chinesen die Österreicher. Fein beobachtet.

Die kleine größte Delegation aller Zeiten durfte in der Früh auch länger schlafen, während sich die Journalisten schon durch die Sicherheitskontrollen mühten. Inzwischen war so viel Militär auf den Straßen, dass man den Palmenwald vor lauter Uniformbäumen nicht mehr sah. Um meinen Hals baumelten so viele Kontroll-Badges, als wäre ich dreimal hintereinander in Honolulu eingereist.

Der Grund für die Erregung: Der Präsident war da, also unserer sowieso, der chinesische aber auch, weil er am größten Wirtschaftssymposium Asiens teilnimmt. Das BOAO-Forum bezeichnet sich gerne als das “Davos von Asien”, es findet aber interessanterweise im “Hawaii von China” statt, so nennt sich die Touristenstadt Boao am Meer nämlich selber.

Ach so, da gibt es Gänge

Man fährt etwa eineinhalb Stunden vom Flughafen Haikou ins Davos von Hawaii. Es gibt zwar auch einen Airport in Boao, aber der muss überraschend zwischen der Planung und der Durchführung der Reise errichtet worden sein.

Gut so, sonst hätten wir verpasst, wie unser Fahrer spät, aber doch entdeckte, dass sein Fahrzeug Gangschaltung und keine Automatik hat. Es muss ihm aufgefallen sein, als er sich schließlich verfuhr und unschlüssig die Gegend erkundete. Da geriet ihm wohl der Hebel zu seinen Füßen ins Blickfeld. Er benutzte ihn von diesem Zeitpunkt an zwar nicht regelmäßig, aber öfter, immer aber falsch.

“Profil” from Austria

Am BOAO-Forum hielt Chinas Staatspräsident Xi Jinping, den ich nun fast schon als einen engen Freund der größten Delegation aller Zeiten bezeichnen möchte, eine 39 Minuten lange Grundsatzrede, die vor allem bei den asiatischen Journalisten, aber nicht nur, großen Anklang fand.

Weil nur die wenigsten bei der Ansprache in den Saal durften, interviewten sich die Reporter der Not gehorchend im Pressezentrum gegenseitig oder uns, vor allem Christian Rainer vom “Profil” war stark nachgefragt. Das könnte an seinen Haaren liegen, die er zwar nicht so streng, aber doch zurückgekämmt trägt wie der Kanzler. Vielleicht dachten sich die Chinesen, dass in Österreich alle, die so aussehen, wichtig sind und schlugen zu.

Als Xi Jinping den Saal betrat, ermahnte ein Sprecher die Anwesenden, aus Respekt aufzustehen. In China gilt der Politiker halt noch was. Ob das Begehrlichkeiten bei Sebastian Kurz weckte, wird man erst bei der nächsten Nationalratssitzung wissen.

Xi hielt seine Ansprache frei, immer wieder wurde er durch Applaus unterbrochen. Er ist kein feuriger Redner, kein Mann der Anekdote, mehr als ein Schmunzeln kommt ihm selten aus. Da fällt mir ein: Es war Henry Kissinger, der über Marschall Tito sagte, dessen Augen würden nicht immer gleichzeitig mit seinem Gesicht lachen.

Chinas neues Gesicht

Aber Xi bringt sauber auf den Punkt, was ihm wichtig ist, China nämlich, dass in eine “neue Phase der Öffnung” eintrete, in eine “neue Ära des Sozialismus”, ja sogar eine “zweite Revolution” kündigte der Staatschef an. China werde “ein neues Gesicht zeigen”. Das mag die Österreicher konsterniert haben, die gerade dabei sind, das alte Gesicht zu studieren.

Auch auf US-Präsident Donald Trump ging Xi ein. Er warnte wegen der geplanten Strafzölle gegen sein Land vor einem “Rückfall in eine Mentalität des Kalten Krieges”. Aber er machte den USA auch Zugeständnisse, kündigte etwa an, die Importzölle auf Autos noch heuer senken zu wollen, eine Forderung Trumps, der sich in Boao übrigens wohl fühlen würde. Es gibt Golfplätze.

Unmittelbar nach Xi sprach Österreichs Bundespräsident, es musste aber keiner zur Begrüßung aufstehen. Er lobte Chinas Politik (“Schritte des Erfolges”), geißelte Handelskriege (“Machen alles für alle schlechter”), mahnte aber auch, dass die Öffnung Chinas “qualitativ” sein müsse. Also nicht: Wir machen auf, ihr zu.

Kanzler bei Ali Baba

Einer, der das ebenso sieht und der auch politische Öffnung schätzt, wie wir wissen, ist der Kanzler. Der hörte sich am Vormittag artig die Reden von Xi, VdB, dem Präsidenten der Philippinen, der Premiers der Mongolei, der Niederlande, von Pakistan und Singapur, von UN-General Guterres und IWF-Chefin Lagarde an. Dann klopfte er bei Ali Baba an, der chinesischen Antwort auf Amazon.

Wenn es lohnt, schreibe ich später noch etwas dazu. Wenn nicht, dann auch. Es passiert ja so viel im Davos von Hawaii.