Dank Norbert Hofer ging es fast wie im Flug zum EU-Gipfel nach Salzburg – oder auch nicht. Finale eines Sommers voller Überraschungen.

Ich war vorlaut, das muss man ganz klar so sagen. Nachdem ich mit dem Kanzler im Juli ohne Atemschutz den einzigen Achttausender im Schneeberggebiet bestiegen hatte (kann man hier nachlesen), ließ ich mich zu einer kecken Wortmeldung verleiten. Was, fragte ich, sollte jetzt noch kommen in meinem Leben?

Ich hatte nicht mit dem Rest des Sommers gerechnet, der allerlei für mich bereithielt, zunächst einmal einen nackten Promi im Wellnessbereich eines Tiroler Hotels. Ich kam aus der Sauna heraus und da saß er, das Handtuch so schlampig um den Körper geschlungen wie Caligula seine Toga, hie und da und oben und unten lugte etwas hervor, ich will nicht ins Detail gehen, es lesen ja auch Kinder mit. Ein großes Bier jedenfalls, halb ausgetrunken, umschmeichelte seinen linken Fuß.

Wir befanden uns im Ruhebereich der Sauna, trotzdem hatte Caligula sein Handy mit, hielt es schräg vor den Mund, der Lautsprecher war an und so erfuhr ich, dass er am Nachmittag ein Doppelinterview geführt hatte und dazu allerlei Privates. Ich saß da, versunken in der Abwägung, was mich weniger interessierte, das eine oder das andere, ohne zu einem klaren Ergebnis zu kommen. Und während Caligula in das Handy hinein brüllte und sein Manager aus dem Handy heraus, rauchte er eine Zigarette. Im Ruhebereich. Einer Sauna. Wo ist das Rauchervolksbegehren, wenn man es braucht?

Das kann man “lögern”

Ich könnte jetzt ausplaudern, wer der Pofler war und das mache ich auch, aber erst am Ende des Textes, denn dann müssen Sie bis ganz nach unten lesen. Ein paar amerikanische Konzerne verdienen etwas Geld damit, ein Batzen davon fließt aber bald nach Europa und somit auch nach Österreich zurück, wenn ich die Pläne für die Digitalsteuer richtig verstanden habe. “Lögern” werden unsere Enkel diesen Vorgang vielleicht einmal nennen.

Was ich sofort verraten kann: Ich war bei Helene Fischer. Die Gründe dafür zu nennen, würde zu weit führen, aber es waren auch ein paar Menschen des öffentlichen Lebens vor Ort, die ich dort nicht vermutet hätte. Mit der Musik könnten sie so wenig anfangen wie ich, erzählten sie mir unter Zusicherung der Anonymität, aber auch, dass sie die Show toll fänden. Der Einwand, sie könnten sich ja eine DVD kaufen und den Ton abdrehen, ging in “Atemlos” unter. Die Pause war vorbei.

Fahrn, fahrn, fahrn, auf der Autobahn

Der eigentliche Höhepunkt des Spätsommers folgte dann aber diese Woche: EU-Rat in Salzburg. Wenn Ausländer von mir das nächste Mal wissen wollen, wie Österreicher so sind, dann schicke ich sie auf die Westautobahn. Wien – Linz, mehr kann man nicht erfahren über dieses Land.

Ich fuhr also mit dem Auto von Wien aus Richtung Salzburg, das geht ja neuerdings rascher, angeblich. Nach Melk, aber noch nicht in Pöchlarn beginnt die neue 140 km/h-Zone. Untertags, in der Nacht wäre dafür zu wenig Verkehr, kann man 44 Kilometer lang schneller fahren. Die Lastwagenfahrer kapieren das am flinksten, denn ein Gutteil von ihnen wechselt sofort auf die zweite Spur. “Cool Leute, es geht bergauf, Blinker raus!”

Das sorgt dafür, dass alle Autos, die auf der zweiten Spur fahren, auf die dritte Spur wechseln, wo schon alle unterwegs sind, die nach Salzburg Stadt auf die Tauernautobahn abbiegen wollen, aber fürchten, auf den restlichen 200 Kilometern keine Gelegenheit mehr zu erhalten, auf die linke Fahrspur zu kommen. Und so fährt man in der neuen 140 km/h-Zone so nicht 140 km/h wie man zuvor keine 130 km/h fahren konnte, nun aber im Rahmen eines Feldversuchs. Auf die Ergebnisse bin ich gespannt wie ein Keilriemen.

Schadstoffe? Kann man wegatmen

Wenn man raus ist aus der Tempobolzerei, dann erlebt man an der Grenze zwischen Niederösterreich und Oberösterreich – und zwar genau dort – Geheimnisvolles: Plötzlich darf man nicht mehr 140 km/h fahren, auch nicht 130 km/h, sondern nur mehr 100 km/h. Alles anders, so als würde man ein neues Land betreten und so ist es ja ein bisschen auch.

Ich weiß jetzt nicht: Stehen die Oberösterreicher unter einem strengeren Artenschutz als die Niederösterreicher? Glaubt Johanna Mikl-Leitner, dass die Amstettner von Natur aus robuster sind als die Linzer und deshalb Schadstoffe besser wegatmen können? Jedenfalls wird an der Landesgrenze der klare Beweis erbracht: Der Föderalismus ist in Österreich nicht mit Erwin Pröll vom Radl gefallen.

Wenn man eine gute Stunde weiterfährt, erreicht man das Land, das bald von Claus Pándi regiert wird, der Chef der Salzburger “Krone” wird. Für mich schließt sich der Jahreskreis. Im Frühjahr war ich beim Panda in China, im Spätsommer nun beim Pándi in Salzburg, der zum EU-Gipfel (oder aus anderen Gründen) ebenfalls da war und – kein Witz – in der “Blauen Gans” erst den roten Ex-Kanzler Christian Kern und dann den aktuellen schwarz-türkisen Kanzler Sebastian Kurz traf. Ich erwähnte das schon: Fährst du auf der Westautobahn, bist du ziemlich nah am Wesen der Österreicher dran.

Schnitzel und ein Wunderkind

Und der EU-Gipfel? Nun ja. 1.100 Journalisten, viele Männer mit Knöpfen in den Ohren, ein Gewiesel und ein Gewusel, dazwischen eher gelangweilte Salzburger, die sich mehr für den Rupertikirtag interessierten als für die 28 Männer und drei Frauen im Mozarteum. Man muss dazusagen, dass es ein informeller Gipfel war und kein “echter”, ein Unterschied wie zwischen Ministerrat und Opernball. Bei beiden sind ungefähr dieselben Leute da, bei beiden wird über dieselben Sachen geredet, aber nicht bei beiden fallen Beschlüsse.

Österreich machte, was es am besten kann und das hat sowohl im engeren als auch im weiteren Sinn mit Fremdenverkehr zu tun. Es gab Schnitzel und Kaiserschmarrn, die Kulissen der Salzburger Festspiele und die historische Bausubstanz der Mozartstadt dazu, Traumwetter statt Schnürlregen. Beim Besuch der größten Delegation aller Zeiten in China hatte die siebenjährige Geigerin Anna Cäcilia Alexander Van der Bellen (und mutmaßlich Staatspräsident Xi) so bewegt, dass der Bundespräsident “sich nicht ganz von den Tränen befreien” konnte.

Da dachte sich Kurz, das machen wir noch einmal und ließ im Mozarteum den 11-jährigen Elias, natürlich ebenfalls Wunderkind, am Klavier aufspielen. Ob sich die 28 Staatschefs “auch nicht ganz von den Tränen befreien konnten”, ist leider nicht überliefert.

Was man weiß, es wurde heiß und das Mittwoch gegen Mitternacht so drückend, dass der Kanzler das Dach der Felsenreitschule öffnen ließ. Das geht wirklich. Es kam auch tatsächlich kühle Luft rein, aber nicht nur die. Verständigen konnte sich ab diesem Zeitpunkt keiner mehr (gut, es ging auch nur um den Brexit), denn über Salzburg knatterten mehrere Hubschrauber. Ein Anruf und sie flogen ab.

Kurz und der Wettergott

Habe ich das mit dem Wetter schon erwähnt? Kurz hat ja mit dem Wetter immer Glück, ist das schon jemandem aufgefallen? Also Kern, “Sommergespräche” im ORF, klar, Regen. Und bei Kurz? Eben!

Jetzt in Salzburg beim EU-Gipfel ebenso. Keine Wolke traute sich her. Fast 30 Grad, Postkartenwetter. Ich glaube, Kurz hat im Himmel angerufen und den Herrgott überredet, den Herbstbeginn ein, zwei Tage nach hinten zu verschieben. Der Herrgott, das unterscheidet ihn von Kern, ist halt eben noch einer, der für Kompromisse brennt.

Der Kanzler ja eher weniger. Um Punkt 12 Uhr, nicht um 11.55 Uhr oder um 12.05 Uhr, ließ er Donnerstag alle zum “Familienfoto” im Mirabellgarten antreten. Die Blumen zeigten ihre üppige Blütenpracht, der Himmel strahlte, ein Hubschrauber kreiste, dann ließ irgendwer auch noch die Glocken läuten, es war als würde Tom Cruise seinen ersten Heimatfilm inszenieren.

In guter Stimmung, mit neuen Plänen bei der Migration (wir hauen uns an Ägypten ran) und einer eher ratlosen Vertagung auf zwei weitere Gipfel zum Brexit, ging der EU-Event in Salzburg zu Ende. Ratspräsident Tusk (“beeindruckt”, “eine der größten politischen Leistungen, die ich in der letzten Zeit erleben durfte”), Kommissionschef Juncker (“ein großes Danke”) und Deutschlands Kanzlerin Merkel (“wir haben uns hier sehr, sehr wohlgefühlt”) lobten Österreich überschwänglich und das ging runter wie Kaiserschmarrn.

Ach ja, der Promi war DJ Ötzi, aber das haben sie vermutlich ohnehin erraten. Also “Love, Peace und Vollgas”, wofür hat man schließlich die Westautobahn?

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