Im Wiener Kursalon punschten Montagabend die Protagonisten der Kanzlerschaft Kurz I. Was (oder wer) auffiel, was neu war, was nicht.

Als meine Kinder noch klein waren, ging ich mit ihnen eines Tages in ein nobles Wiener Kaffeehaus. Wir bekamen einen Tisch zugewiesen, der recht zentral lag, aßen und tranken gut. Als es ans Zahlen ging, fragten mich meine Buben, ob sie den Kellner rufen dürften. Ich hatte keine Einwände. Als der Ober also mit einem vollen Tablett knapp an uns vorbeiging, riefen sie: „Zahlen, bitte“.

Im Überschwang waren sie wohl etwas zu laut. Der Kellner riss den Kopf herum, dadurch geriet das Tablett, das er auf der linken Schulter trug, aus der Balance und an diesem herrlichen Vorweihnachtstag, an dem vor der Tür und innen drinnen im Kaffeehaus alles glänzte und glitzerte, offenbarten sich meinen Kindern alle Geheimnisse der Schwerkraft unmittelbar und aus nächster Nähe.

Etwa 20 bis 30 Tassen und Untertassen, Teller und Gläser, Messer und Gabeln gingen zu Boden, das gesamte Tablett, vieles zerbrach in Scherben. Es war ein Heidenlärm, alle schauten, wir auch, wir vielleicht am meisten. Es war damals schon ein bisschen so wie bei Türkis-Blau jetzt. Wer das eine wie das andere nicht erlebt hat, glaubt gar nicht, was das für einen Krach verursachen kann.

1.400 Gäste kurten

An diesen Vorfall musste ich denken, als ich Montagabend zu der Sause ging, zu der Sebastian Kurz in den Kursalon in der Wiener City geladen hatte. Denn der Kellner von damals erinnerte mich frappant an den amtierenden Kanzler, dem Österreich vor gut einem Jahr aufs Tablett gelegt wurde und der seither damit herumjongliert. Vom Tablett fallen immer wieder ein paar Flaschen und trübe Tassen herunter und zerschellen laut am Boden und die Menschen in der Republik – die einen ängstlich, die anderen hoffnungsfroh – fragen sich: Kippt bald alles?

Der Großteil der Leute, die Montagabend dabei waren, fragte sich das natürlich nicht, denn unter den versammelten rund 1.400 Menschen waren nicht wenige, die von der gegebenen politischen Konstellation schon profitiert haben oder auf dem besten Weg dazu waren. Bei einigen ging es auch um bloße Schadensbegrenzung, denn es nutzt ja nichts, wenn man darauf wartet, dass wieder die Sozialisten in diesem Land etwas zu reden haben, denn das kann ja noch recht lange dauern, vielleicht nie mehr passieren und wenn doch, ist man vielleicht schon in Pension, oder tot, oder beides.

Eine Welt in Türkis

Die Stimmung war jedenfalls feuchtfröhlich, was nicht allein am Regen gelegen haben muss. Vor dem Eingang strahlte ein Laser den Kursalon Türkis an, über der Tür blinkten türkise Leuchten, der Red Carpet war nicht rot, sondern türkise Auslegeware, bei der Zugangskontrolle bekam man ein türkises Armband umgebunden. Selbst jemand, der die Einladung in den Kursalon falsch gedeutet hätte und mit einem Handtuch ummantelt erschienen wäre, hätte rasch festgestellt, dass hier keine Roten und Blauen feierten, eventuell ein paar Schwarze, aber lassen wir das.

Draußen im Garten des Kurzsalons leuchteten Lichterketten, innen drinnen standen die Menschen dicht an dicht in Blasen zusammen und prosteten sich mit Punsch zu, den Mädchen und Buben mit rotwangigen Gesichtern auf Tabletts servierten. Weil sowohl Eintritt als auch Konsumation gratis waren, rief keiner „zahlen“, also fiel auch nichts zu Boden.

Das Kanzlerfest war genau genommen kein Kanzlerfest, sondern eine Einladung zu Punsch und Maroni. Als der Kanzler noch kein Kanzler war, reichte der Platz, um sich auf der Freyung zu treffen, meistens war das Wetter sauschlecht. Als sich abzeichnete, dass der Kanzler Kanzler wird, übersiedelte der damalige Noch-Nicht-Kanzler in den Kursalon, die Menge wuchs an, was natürlich keineswegs daran lag, dass einige damit spekulierten, der Kontakt zu einem mutmaßlichen Kanzler könnte einmal nützlich für sie sein. Nein, Kurz wurde einfach vielen über Nacht sympathisch. So sind sie halt die Österreicher, spätestens seit 1955 auch frei von Hintergedanken.

Kanzlerfest als Kanzler

Im Vorjahr feierte der spätere Kanzler ein Fast-schon-Kanzlerfest, denn drei Wochen nach der Punscherei wurde er tatsächlich Kanzler. Er beging das ebenfalls im Kursalon, vielleicht hatte er aber auch nur den Mantel vergessen. Diesmal, Montagabend also, konnte der frühere Vielleicht-Einmal-Kanzler, Noch-Nicht-Kanzler und Fast-Schon-Kanzler erstmals alle als wirklicher Kanzler willkommen heißen und das war auch irgendwie schön.

Kurz stand inmitten der größten Blase im Tanzsaal des Kursalons, weil er sich mit den Haaren nichts Überraschendes einfallen hatte lassen, wurde er von jedem schnell erkannt. Er trug keine Krawatte, vermutlich hatte er sie schon in den Adventkalender der ÖVP gelegt, am Heiligen Abend soll sie ja versteigert werden.

Der Kanzler begrüßte weitgehend alle per Handschlag, der ihm unter anderem von Moderator Armin Assinger, Immobilieneur René Benko, Caterer Attila Dogudan, Schauspieler Serge Falck, Unternehmer Markus Friesacher, Gastronomin Aleksandra Izdebska, Ex-Kanzler-Exfrau Sonja Klima, die Designer Atil Kutoglu und La Hong, Caritas-Präsident Michael Landau, Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Fadi Merza, Gastronom Toni Mörwald, Flughafen-Vorstand Günther Ofner, US-Botschafter Trevor Traina, PR-Experte Wolfgang Rosam, Benimm-Papst Thomas Schäfer-Elmayer und Danielle Spera, Direktorin des Jüdischen Museums erwidert wurde.

Nur Löger fehlte irgendwie

Die komplette, türkise Regierungsmannschaft und -frauschaft punschte ebenfalls an, von Elisabeth Köstinger, Margarete Schramböck, Juliane Bogner-Strauß über Gernot Blümel, Heinz Faßmann, Josef Moser bis zu Staatssekretärin Karoline Edtstadler. Nur Hartwig Löger fehlte. Der Finanzminister war in Brüssel. Er wird sich über das Ereignis berichten lassen.

Danach machte sich Kurz auf, um in der Pagode im Garten eine Ansprache zu halten. Sie geriet kurz, kaum einer hörte zu, schob das aber darauf, durch den Lärm des Regens daran gehindert worden zu sein. Die wenigen, die gelauscht hatten, fassten die Worte später so zusammen: Viel wurde erreicht, mehr wird angestrebt, danke an alle.

“Time” is on your side

Dann stellte sich der Kanzler wieder in seine Blase und umsorgte alle mit Getränken, die er bei den rotwangigen Mädchen und Buben orderte. Selbst den Reportern von “Time”, denen der Kanzler beim Interview höchstpersönlich Wasser serviert hatte, war seine hilfsbereite Art ja aufgefallen. Sie nannten ihn im Artikel dann trotzdem despektierlich “alpiner Trump”, was insofern schon falsch ist, als Trump Reportern niemals Wasser auftischen würde – höchstens Lügen, die aber eimerweise.

Der ÖVP machte nichts aus, dass der Text in “Time” dann doch recht frech geriet. Man freute sich so wie schon über das Cover von “Newsweek”, Playgirl und Alles Roger werden sicher noch folgen, dann ist alles wieder gut, türkis eben. Es sind ja schließlich doch die Bilder, die zählen. Auch am gestrigen Abend. Besonders am gestrigen Abend.

Fotos: © Sabine Hertel