66 Minuten dauerte das Rendezvous zwischen US-Präsident und Kanzler. Ein Report zwischen Schnee und Schmäh und welche Rolle ein knallroter Tennisschläger spielt.

Und plötzlich gibt es in Washington D.C. nur mehr lauter weiße Häuser. Wintereinbruch, um 5 Uhr früh hat es zu schneien begonnen, jetzt liegen drei Zentimeter Pulver auf den Straßen und der (nächste) Notstand in „Trumpland“ bricht aus. Schulen zu, Behörden zu, keiner geht mehr außer Haus, Autos bleiben stehen, niemand hier hat Winterreifen. Wir lernen: Gegen das Wetter lässt sich halt nicht so schnell eine Mauer bauen.

Mittwoch, 12.15 Uhr Ortszeit, „The Day after Tomorrow“. Wir fahren durch diese offenkundige Apokalypse vom Hotel „Willard“ fünf Minuten zum (wirklichen) Weißen Haus, gehen dann ein paar Schritte im Schneematsch-Salzgemisch bis zum North West Gate und schauen dabei den Amis bei der Schneeräumung zu. Das sieht sehr putzig aus, sogar Laubbläser werden eingesetzt. Der Security Check vor dem Eingang wirkt eher wie eine gemauerte Punschhütte, aber soviel kann ich sagen: Mit diesem Gesichtsausdruck werden die honorigen Herrschaften nicht viele Getränke verkaufen.

Leibheftig statt leibhaftig

Wir überstehen die Kontrollen trotzdem ohne nennenswerte Verluste, bekommen einen Badge um den Hals gehängt, gehen dann 50 Meter einen Asphaltweg hin zum West Wing Entrance hinauf. Die Tür steht sperrangelweit offen, alles sieht aus, als würde man darauf warten, dass der Weihnachtsbaum geliefert wird.

Statt dem Weihnachtsbaum kommt Kurz. Es ist 13.43 Uhr, als am Security Check zwei schwarze Fahrzeuge auftauchen und darauf warten, bis sich der Schranken öffnet.

Vier Minuten später tritt ein Marine mit zackigen Bewegungen aus dem West Wing und da steht er, Donald Trump (72) leibhaftig, besser leibheftig, denn heftig ist dieser Leib tatsächlich. 110 Kilo auf 190 cm, nachzulesen im jährlichen Medizin-Update, publiziert vor einigen Tagen. Fettleibigkeit attestierte ihm sein Arzt, nannte den Gesundheitszustand des Präsidenten trotzdem „exzellent“. Sonst hätte ihn Trump wohl auch nächste Woche zum Treffen mit Kim Jong-un mitgenommen und eventuell dort vergessen.

Wir stehen 15 Meter entfernt, am Beginn der Auffahrt, 20 Cams sind aufgebaut, der Schnee geht in Grieseln über, es ist saukalt und zugig. Reporter hampeln hin und her, um sich warm zu halten. Der Schranken geht auf, der schwarze Chevrolet Suburban nähert sich dem Weißen Haus von rechts an, muss politisch nichts bedeuten. Der Kanzler fährt auf.

Die Limo des Secret Service hat Sebastian Kurz (32) aus dem Hotel Willard abgeholt, aber sie müssen sich keine Sorgen machen (oder keine Hoffnungen, je nachdem), er wurde schnurstracks hierher gebracht und nirgendwo anders hin. Als sich der Wagen einbremst, macht Trump ein paar Schritte auf den Kanzler zu. Es wirkt mehr so als würde die „Harmony of the seas“ aus dem Hafen von Barcelona auslaufen.

“Kleiderhaus zum Eisenbahner”

Kurz steigt aus, der erste Händedruck, er dauert nur ein paar Sekunden, keiner wird verletzt, nichts zu sehen von einer Begrüßungsattacke wie bei Macron. So gratuliert eher ein Vater seinem Sohn zur bestandenen Fahrprüfung. Trump trägt einen dunkelblauen Anzug im Captain-Iglo-Design, die hellblau gestreifte Krawatte ist wie immer eine Handbreit zu lang.

Viele glauben ja, dass er seine Klamotten beim „Kleiderhaus zum Eisenbahner“ kauft, weil sie ihm eben immer nur so ungefähr passen. Tatsächlich sind seine Anzüge von Brioni oder Martin Greenfield Clothiers aus Brooklyn (auch Obama lässt hier schneidern, wenn auch in anderer Konfektionsgröße) und kosten (im Fall von Brioni) 5.000 Dollar aufwärts. Geld wurde schon besser investiert.

Aber Trump kauft von der Stange, er will sein wie die Leute, die er vorgibt zu vertreten. Damit das Sakko unten halbwegs manierlich endet, muss er es eine Nummer größer nehmen und dann sieht das halt aus wie es aussieht, Legionen von Modexperten von der „New York Times“ abwärts haben das bereits ausführlich analysiert. Trump selbst auch, etwa in seinem Buch „The Way to Success“ 2007. “Stil kann man nicht kaufen“, schrieb er darin. Nun ja.

Kurz und Trump wechseln jetzt ein paar Worte, die man nicht bis zu uns herüber hört. Vielleicht hat der Kanzler den Präsidenten gefragt, ob er sich die Schuhe ausziehen soll. Muss er nicht (soviel sei vorweggenommen).

Trump macht Merkel-Raute

Die beiden winken, dann macht Trump eine joviale Handbewegung, und schlüpft mit Kurz ins Gebäude. Über die North Entrance Hall und die West Lobby gelangen die beiden in den Roosevelt Room, benannt gleich nach zwei Präsidenten. Theodore Roosevelt (1901 bis 1909) hatte den West Wing erbauen lassen, Franklin D. Roosevelt (1933 bis 1945, der einzige US-Präsident bisher, der länger als zwei Perioden amtierte) ihn erweitert. Kurz schreibt sich ins Gästebuch ein.

Danach wechseln die beiden schräg gegenüber ins Oval Office, Trump platziert sich links von Kurz, der immer noch die Schuhe anhat, jetzt ist es auch schon egal. Trump sitzt vornübergebeugt, trägt ein Lächeln im Gesicht, das wohl nur all jene Menschen verschmitzt nennen würden, die auch glauben, es gäbe so etwas wie deutschen Humor. Er macht die Merkel-Raute, seine Frisur sieht aus wie ein Weizenfeld kurz bevor der Mähdrescher kommt.

Trump trägt ein weißes Hemd, am linken Ärmelende ist die Zahl „45“ eingestickt. Er ist der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, wenn er es vergisst, kann er immer nachschauen und es sieht aus, als blicke er unschuldig auf die Uhr.

Fake News Buchstabensuppe

Das Oval Office ist eines der 132 Zimmer im Weißen Haus. Ich hege die Vermutung, dass Trump deshalb jeden Tag schon um 16 Uhr mit der Arbeit aufhört, wie jüngst zu lesen war, damit er rechtzeitig durch all die 412 Türen heimfindet ins Haupthaus, wo Melania sicher mit einer selbstgekochten Buchstabensuppe auf ihn wartet. Mutmaßlich ist ihr jeden Tag die Fröhlichkeit pur ins Gesicht geschrieben, sie soll privat ja eine heitere Seele sein. Nach dem Abendessen gehen die beiden hin und wieder auf einen Absacker in die Innenstadt oder Trump haut einen Tweet raus, der mehr Seher hat als der Super Bowl, möglicherweise sind das aber alles Fake News, you never know, Trump hat da einiges drauf.

Im Oval Office haben sich mittlerweile rund 40 Journalisten eingefunden, die Hälfte Amerikaner, bedingt an österreichischer Innenpolitik interessiert. Wir Reporter wurden vom „Press Briefing Room“ (wo Trump-Sprecherin Sarah Sanders sonst die Reporter mehr verwirrt als informiert), über die Kolonnaden, also die überdachten Außengänge, ins Oval Office geführt, in dem es nun zugeht wie in einer Biostunde, wenn alle Schüler die Antwort auf eine Frage des Lehrers wissen. „Shout-out“ nennen die Amerikaner, was hier passiert.

Trump sagt zunächst ein paar schöne Sätze über Österreich („sehr, sehr gute Beziehungen), lobt Kurz, er sei „ein sehr junger Anführer“, dreht sich dann zu ihm, klopft ihm auf den Unterarm: „Du bist ein sehr junger Kerl, was ziemlich gut ist“. Kurz, gerührt und nervös gleichzeitig, antwortet trotzdem schlagfertig. „Das Problem mit dem Alter wird von Tag zu Tag besser“. Kann ich nicht bestätigen.

Das gefällt dem US-Präsidenten oder verstört ihn auch, so genau weiß man das nicht und wenn macht es keinen Unterschied, jedenfalls geht es in der Folge nicht mehr um Österreich und der Kanzler wird zunehmend zum Zuhörer, immerhin aber auf dem besten Platz im Raum. Denn nun brüllen die Reporter, die im Halbkreis um die Sitzgruppe Aufstellung genommen haben, von links und von rechts Fragen auf Trump ein. An vielen Tagen tut er so, als würde er sie nicht hören, was nicht leicht ist, diesmal schon, diesmal antwortet er fünf Minuten lang, redet über Zölle für EU-Autos, Nordkorea, Putin, immer neue Fragen kommen, keine ist für Kurz bestimmt.

“War schon einmal besser”

Dann schmeißt Trump die Reporter raus aus seinem Büro. „Macht er einen guten Job?“, wirft er uns eine Frage nach und zeigt mit dem Finger auf Kurz. „Er macht einen guten Job,“ antwortet Trump Trump. Er hört sich eben doch selbst am liebsten reden.

Der Kanzler und der Präsident unterhalten sich in der Folge etwa 30 Minuten unter vier Augen, dann weitere 30 Minuten im Cabinet Room mit den Delegationen, die US-Seite ist hochkarätig. Präsident, Vizepräsident Mike Pence, Außenminister Mike Pompeo, Energieminister Rick Perry, Jared Kushner, John Bolton, Nationaler Sicherheitsberater. Es geht um die Handelsbeziehungen zwischen EU und USA („waren schon einmal besser“), Autozölle, Northstream II, Russland (Trump betont „sein gutes Verhältnis zu Putin“).

Die Chemie sei „sehr gut“ gewesen, bekundet Wiens US-Botschafter Trevor Traina danach. Trump habe den Kanzler „ernst genommen“, sei „beeindruckt“ gewesen von seinen „geschliffenen Antworten“. Er habe in Kurz so eine Art Botschafter für die EU gesehen, dem er seine Wünsche an Europa zum Ausdruck gebracht hätte. Kurzum: Es sei der „historisch bedeutendste Besuch eines österreichischen Kanzlers in Washington“ gewesen, die Beziehungen „so gut wie noch nie in der Geschichte“. Es sei „das wichtigste Treffen auf Regierungsebene zwischen den USA und Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg gewesen“. Der Mann hat seinen Trump gelernt.

“Historisch bedeutsam”

Nach 66 Minuten ist der „historisch bedeutsamste Besuch“ jedenfalls vorbei. Trump bringt den Kanzler zur Tür, gibt ihm erneut die Hand, Kurz überlebt auch diesmal. Er steigt in den Chevi, Trump winkt ihm nach, zeigt den Daumen nach oben. Vielleicht auch ein Signal an sich selbst. Er ist nicht mehr weit hin bis 16 Uhr, er kann bald heimgehen, seine Buchstabensuppe essen und dann bei Tochter Ivanka anrufen und ihr erzählen von dem Buben aus Australien, der bald zum Essen kommt und so fröhlich ist und so jung und die Haare trägt wie Jared Leto.

Mehr dazu vielleicht später, wenn mich der Secret Service bis dahin nicht zu einem zwanglosen Gespräch gebeten hat oder mir unbedingt eine Insel an irgendeiner Bay zeigen will, auf der alle Insassen orange Overalls tragen, es sollen da jetzt einige Appartements frei sein.

Trump sei im persönlichen Gespräch so, wie er auch medial wahrgenommen werde, bilanziert Kurz danach Trump gegenüber „Heute“. „Vieles von dem, was man hört, erlebt man dann auch“. Ein Satz, der für so vieles gilt im Leben – auch für die Gastgeschenke, auch diesmal.

Schnaps und Tennisschläger

Als Österreich 1982 die USA besuchte, brachte Bundeskammerpräsident Rudolf Sallinger Ronald Reagan einen Lipizzaner mit. Diesmal wollte Kickl wohl keinen Polizeigaul freigeben, der Kanzler kam also mit leeren Zügeln. Säße Kurz der Schalk – und nicht Strache – im Nacken, er hätte Trump ein Känguru geschenkt. Alexander van der Bellen bewies da 2017 mehr Humor. Beim Treffen mit Trump am Rande einer UNO-Konferenz in New York, übergab er dem US-Präsidenten eine Flasche Schnaps. Trump trinkt prinzipiell keinen Alkohol. Ich höre VdB jetzt noch in der Hofburg darüber schallend schmunzeln.

So aber wurde es diesmal ein Swarovski-Fernglas, wohl damit der Präsident besser den Golfbällen nachschauen kann, die er jedes Wochenende in die Sümpfe von Florida versenkt und dabei ab jetzt fluchen kann: „Damn Aussies“. Ein Buch von Elmayer wäre auch keine schlechte Wahl gewesen. Die Amerikaner schenkten uns jedenfalls einen Wilson Tennisschläger in knallrot, am Griff die Unterschrift von Trump, fragen Sie jetzt bitte nicht warum.

Die Übergabe der Gastgeschenke (die immer auf diplomatischer Ebene ausgetauscht werden) scheiterte jedenfalls in der Früh – sie werden es erraten – am Schnee. Erst um 13.30 Uhr konnten die wettergeplagten Amerikaner die Expedition ein paar Hundert Meter her ins Hotel erfolgreich abschließen. Ob sie es je wieder zurückschafften oder unter eine 3-Zentimeter-Lawine gerieten, war bei bestem Willen nicht mehr recherchierbar.

Auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind die Möglichkeiten manchmal begrenzt.

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