Eine kleine Leseprobe aus meinem Roman. Es geht um ein (natürlich fiktives) Kanzlerfest. Wer Lust auf mehr hat: „In der Not frisst der Teufel Lügen“ gibt es ab sofort im Buchhandel.

Oben machte es „Trüdüdüpp“, unten „tschtschumm.“ Oben im Baum, da saßen mehrere Amseln, kohlschwarz bis auf den gelblichen Ring um die Augen, aus denen sie nach unten lugten. Dort wurden auf langen Tischen mit weißen Decken Dutzende Speisebehälter aus Edelstahl aneinandergereiht wie Waggons der Transsibirischen Eisenbahn. Immer wenn einer dieser Edelstahlwaggons auf den vor ihm stehenden Edelstahlwaggon krachte, machte es „tschtschumm“, und es klang, als hätte der Dirigent des Bordorchesters dem Schlagzeuger ein Zeichen gegeben, die Becken zusammenzuschlagen. Überall im Garten standen Vans und Mini-Transporter und Pritschenwagen, aus denen Bänke und Stühle und Tische und noch mehr Speisebehälter ausgeladen wurden. Dazwischen wuselten Männer in verschwitzten, ausgegilbten und durch unzählige Waschgänge verzerrten T-Shirts und kurzen Hosen mit riesigen Seitentaschen umher. „Trüdüdüpp“, dachten sich die Amseln oben auf dem Baum, „ungewöhnlich viel los in diesem Garten an diesem Dienstagnachmittag“.

Neben den Amseln schaute auch die Sonne diesem bunten Treiben interessiert zu, und weil es Sommer war, brachte das mit sich, dass es schnell drückend heiß wurde und die Männer in ihren ausgegilbten und durch unzählige Waschgänge verzerrten T-Shirts noch mehr schwitzten. Nahe bei den Fahrzeugen standen ein paar weitere Männer, die keine ausgegilbten und durch unzählige Waschgänge verzerrten T-Shirts anhatten, sondern Kurzarmhemden, und sie trugen lange Hosen, zumindest die meisten. Diese Männer hatten Klemmbretter in der Hand, und sie hakten auf Listen ab, was ausgeladen wurde, zuweilen rieten sie den Männern in den ausgegilbten und durch unzählige Waschgänge verzerrten T-Shirts zur Eile, weil sich dies angeblich auf ihren Verdienst positiv auswirken würde. Aber so genau verstanden die Amseln das nicht, es ist ja auch kein Bereich, in dem sie sich ausreichend gut auskennen.

In der Nähe der Transsibirischen Eisenbahn mühte sich eine Gruppe damit ab, Eisenstangen ineinanderzustecken. Die Amseln ärgerte das, denn sie vermuteten ebendort in der Erde unter der Wiese die fettesten Würmer, weil es hier am feuchtesten war. Die Gruppe mit den Eisenstangen wusste das nicht, aber hätte sie es gewusst, es hätte nichts daran geändert, dass sie ungerührt daran arbeiteten, aus den Stäben nach und nach ein Metallskelett zu formen. Auf dieses Metallskelett zogen sie Zeltplanen auf, und im Nu war die Transsibirische Eisenbahn abgedeckt und gegen Regen geschützt. Es war zwar für den Abend keiner angesagt, aber das Wetter ist ja oft ein recht unzuverlässiger Weggefährte.

Als die Zeltstadt fertig gebaut war, fuhren weitere zwei Pritschenwagen um das Palais herum, das dem Anwesen hier seinen Namen lieh. Aus der Fahrerkabine schälten sich ein paar muskulöse Herren in ärmellosen Shirts, sprangen auf die Ladefläche und trugen von dort, einzeln oder zu zweit, Palmen in doch nennenswerter Wuchsgröße in den Garten. Mit der Zeltstadt und der Transsibirischen Eisenbahn und den Bänken und den Stühlen und der Sitzgruppe, die in den hinteren Teil des Gartens geschleppt worden war, mit den Stehtischen und dem Blumenschmuck, den Gläsern und dem Besteck, sah das inzwischen recht manierlich aus. Jetzt waren die Köche am Zug. Sechs Stunden Zeit, dann begann das Kanzlerfest. Da sollten die Männer in ihren verschwitzten, ausgegilbten und durch unzählige Waschgänge verzerrten T-Shirts längst daheim sein und womöglich „Big Bang Theory“ schauen oder Halma spielen.

Um 19 Uhr stand „Nijo“ auf dem Schotterweg, der vom schmiedeeisernen Tor zum Palais führte, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt und den Kopf etwas schief, so als würde er einem leicht schwerhörigen Hoftratsehepaar zur eisernen Hochzeit gratulieren. Immer wieder kamen Menschen, einzeln, zu zweit oder in Gruppen zu ihm herauf und wurden allesamt so gegrüßt, als würden sie an diesem Tag tatsächlich die eiserne Hochzeit feiern, auch Männer und Frauen, bei denen sich das allein schon altersmäßig kaum ausgehen konnte. 20 Meter vor „Nijo“, etwa in der Hälfte des Weges vom Tor bis zum Palais, standen fünf Studentinnen in schwarzen Röcken, schwarzen Oberteilen, schwarzen, blickdichten Strumpfhosen und schwarzen Schuhen, alle hatten schwarze iPads in der Hand. Jeder Besucher wurde von diesem schwarzen Block mit einem aberwitzig freundlichen Lächeln begrüßt, sagte seinen Namen und wurde von einer der Studentinnen auf der Gästeliste elektronisch abgehakt. „Viel Vergnügen“ bedeutete, dass Zutritt gewährt wurde. Daraufhin schenkten viele der Besucher, die Männer häufiger als die Frauen, der jeweiligen Studentin ein aberwitzig freundliches Lächeln zurück, einige, die sich ihrer großen Bedeutung eher bewusst waren, nickten auch bloß und gingen weiter.

Neben „Nijo“ stand eine sechste Studentin, ebenfalls in einem schwarzen Rock, schwarzen Oberteil, schwarzen, blickdichten Strumpfhosen und schwarzen Schuhen, auch sie hatte ein schwarzes iPad in der Hand. Sobald vom schwarzen Block einer der Besucher abgehakt worden war, bekam „Nijos“ Assistentin einen Hinweis auf ihr iPad geschickt. Sie sah Namen, den akademischen Grad, vor allem aber etwaige Ehrenbezeichnungen jedes einzelnen geladenen Gastes und zischte die Informationen „Nijo“ zu. Der Kanzler begrüßte also nicht Herrn oder Frau Sowieso, Nichtsnutz, Adabei, Schnittlauch, Werhatsiedenneingeladen oder Keineahnungwiesieheißen, sondern Personen, denen das Leben bisher auch oder vor allem Titel geschenkt hatte, etwa „Herr Kommerzialrat, Frau Direktor, Herr Gouverneur, Frau Senatsrat, Herr Sektionschef, Frau Ministerialrat, Herr Präsident, Frau Nationalrat, Herr Minister, Frau Verwaltungshofsvizepräsidentin, Herr Professor, Frau Doktor, Herr Magister, Frau Landeshauptmann, Herr Primarius, Frau Hofrat, Herr Botschafter, Herr Ökonomierat, Frau Senatsrätin, Herr Diplomkaufmann, Frau Ingenieur, Herr Diplomingenieur, Frau Kammersängerin, Herr Kammerschauspieler, Herr Generalmusikdirektor, Herr oder Frau Obermedizinalrat, Baurat, Forstrat, Schulrat, Studienrat, Oberstudienrat, Regierungsrat, Kanzleirat, Veterinärrat, Bergrat, Eminenz, Exzellenz, Herr Abt, Apostolischer Protonotar, Auxiliarbischof, Vikar, Diakon, Nuntius, Prälat, Prior, Probst, Superintendent.“ Alle, auch jene, die dem schwarzen Block lediglich zugenickt hatten, waren hingerissen. Der Kanzler kannte nicht nur ihren Namen, sondern er wusste über jede einzelne Lebensleistung Bescheid, und über die gibt ein Ehrentitel schließlich Auskunft. Nach einer Stunde flog eine der Amseln, die von einer Buche aus dem Treiben zugesehen hatte, zurück hinter das Palais und erzählte den anderen Vögeln hinten von den Vögeln vorne. Noch den ganzen Abend lang, als der Tross der Besucher längst um das Palais herum auf die Wiese mit den Zelten und den Waggons der Transsibirischen Eisenbahn weitergezogen war, blieb der Kanzler mit dem phänomenalen Gedächtnis das wichtigste Gesprächsthema, auch wenn alle betonten, dass das Erkennen des eigenen Namens, vor allem des Ehrentitels, für sie persönlich keine besondere Bedeutung gehabt hätte. Da war auch längst vergessen, dass es zu einer kleinen Peinlichkeit gekommen war. Als nämlich ein Amtsrat auf der Gästeliste abgehakt und die Information vom iPad des schwarzen Blocks auf dem iPad der Assistentin neben „Nijo“ gelandet war und sie ihm den Titel zuzischte, verstand der Kanzler etwas falsch, und als er den Gast begrüßte, sagte er nicht „Grüß Gott, Herr Amtsrat“, sondern „Grüß Gott, Herr Arschloch.“ Das Arschloch schaute auf, verstand nicht, „Nijo“ auch nicht, aber er war ein Meister der Improvisation, besserte sich also nicht aus, weil er ja dann eingestehen musste, einen Fehler gemacht zu haben und dies alles noch schlimmer gemacht hätte, sondern er fügte an, dass er aus dem Amt des Herrn Amtsrates nur das Beste über ihn gehört und man mit ihm, dem Herrn Amtsrat, Höheres im Sinn habe. Also löste sich alles in Wohlgefallen auf, der Amtsrat dachte, sich verhört zu haben und zog glücklich weiter, da er nun seiner Einschätzung nach angemessen einordnet worden war. Es spielte auch keine Rolle, dass seine Mitarbeiter im Amt das durchaus anders sahen, für sie war er nämlich wirklich ein Arschloch.

Als der Strom an Besuchern langsam ausdünnte, ging auch der Kanzler ums Palais herum und schüttelte weiter Hände, einige zum wiederholten Mal am Tag, denn recht vielen Menschen war er schon vorm Frühstück oder nach dem Frühstück oder vor und nach dem Mittagessen und allen natürlich bei der Begrüßung eben begegnet. Das machte nichts, denn es kann in Österreich gar nicht genug gegrüßt und Hände geschüttelt werden.

1000 Besucher hatten zum Kanzlerfest zugesagt, 800 waren gekommen, 1200 sollte am nächsten Tag als Besucherzahl in den Zeitungen stehen und im Rundfunk verlautbart werden, so war es ausgemacht. Wer sich traf, sagte „Grüß Gott“ oder „Guten Abend“ oder „Servus“, man schüttelte einander die Hände und fragte „Wie geht’s?“ Immer wieder, tausendfach „Wie geht’s?“. Viele antworteten „gut“ oder „sehr gut“ oder „bestens“, die meisten logen, alle wussten es. Einige wenige dachten nach und grübelten eine Zeitlang darüber, wie es ihnen denn nun ginge, anderen fiel überhaupt keine Antwort ein. Aber keiner brach in Tränen aus, keiner schüttete dem anderen sein Herz aus, keiner sagte „scheiße“, obwohl dies der Wahrheit nähergekommen wäre als vieles andere. Die Lüge passte zur Unterhaltung an diesem Abend viel besser, meistens ist es ja auch untertags so.

Unter den Zelten gegen den Regen, der nicht angesagt war, und hinter den Waggons der Transsibirischen Eisenbahn standen nun Köche mit hohen Mützen, die Hände artig am Rücken verschränkt, eng nebeneinander aufgestellt wie Soldaten bei der Maiparade auf dem Roten Platz, und sie sagten „Grüß Gott“ oder „Guten Abend“ und nickten kurz mit den Köpfen, die Mützen gerieten zuweilen gefährlich ins Kippen. Vor ihnen, unter den Dächern der Waggons der Transsibischen Eisenbahn grollte, dampfte und zischte es nun. Das Buffet war natürlich rechtzeitig fertig geworden, es gab Wiener Schnitzel und Schweinsbraten, Gemüse und Nudeln, Knödel und Erdäpfel, Kaiserschmarren und Sachertorte, und die Köstlichkeiten drängten nun heraus und klopften und hämmerten deshalb an die Edelstahlverschalung der Waggons der Transsibirischen Eisenbahn. Alles war üppiger und größer und fetter und verschwenderischer als im Vorjahr, als der Kanzler noch nicht „Nijo“ hieß, aber die Pressesprecher und Lobbyisten und Berater verbreiteten unter den Gästen, dass es diesmal ein ökologischeres und bescheideneres Buffett gäbe, dass vor allem bei den Kosten eisern gespart worden sei, und so stand es am nächsten Tag auch in den Zeitungen, und so wurde es im Rundfunk verlautbart. Es lag so nahe an der Wahrheit wie die tatsächliche Zahl der Gäste.

Als es dunkel zu werden begann und die Sonne ein mystisches Licht zustande brachte, gut geeignet als Hintergrund, damit Fotos so aussehen wie die Gemälde damals vom Heiland in den Schulreligionsbüchern, nahm der Kanzler das schwarze Mikrofon in die Hand und hielt eine Ansprache, vor der sich der Länge wegen viele Hungrige fürchteten, die aber an diesem Abend erstaunlich kurz ausfiel. „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde“, sagte er und stellte sich mitten hinein in dieses mystische Licht. „Ich freue mich, dass so viele die Zeit gefunden haben, mit mir einen Abend zu verbringen. Das zeigt mir, dass in diesem Land eine positive Stimmung entstanden ist, dass Menschen wieder an dieses Land glauben, und ich darf mich bei allen, bei Ihnen besonders, dafür bedanken, dass Sie das möglich gemacht haben. Auch bei den Journalistinnen und den Journalisten des Landes, die täglich einer besonderen Aufgabe nachgehen. Mir ist die Pressefreiheit, die Freiheit, dass jeder schreiben kann, was er für richtig hält, ganz wichtig. Als wir unsere Bewegung gegründet haben, da gab es viele Skeptiker, die gesagt haben, ,das wird nix, das brauchen wir nicht.‘ Aber durch harte, wirklich harte Arbeit ist es uns gelungen, viele zu ermuntern, mit uns ein Stück Weg gemeinsam zu gehen, und deshalb stehen wir heute da, wo wir heute stehen. Wie Sie wissen, komme ich aus einfachen Verhältnissen. Meine Eltern konnten es sich nicht einmal leisten, mich mit der Schule auf Skikurs mitzuschicken. Ich bin dann von Haus zu Haus gegangen und habe den Leuten ,In die Berg bin i gern‘ vorgesungen, um das Geld für den Skikurs zu sammeln. Ich erspare Ihnen jetzt, dass ich das noch einmal singe (Gelächter), aber diese bittere Armut hat mich gelehrt, dass es wichtig ist zu kämpfen, nicht aufzugeben, sich zu engagieren, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, und ich bin froh über diese Erfahrung, denn sie hat mich, wie ich glaube, zu einem besseren Menschen gemacht. Es ist mir, denke ich, gut gelungen, diese Werte auch meinem geliebten Sohn zu vermitteln, der seit jeher, auch als es noch keine Klimakrise gab, lieber mit dem Fahrrad als mit dem Auto fährt, und der sich seit Jahren in der Bergbauernhilfe in Tirol engagiert. Ich möchte nicht vergessen, der Frau zu danken, die mir diesen wundervollen Buben geschenkt hat, ein Wunschkind wohlgemerkt, und ich will mich bei meiner Familie bedanken, die mir all das möglich gemacht hat, obwohl es für sie nicht immer einfach war. Danke, ,Juni‘ danke, Bärbel, danke, Mama, danke, Papa.“ Die Kamera, die das Kanzlerfest für den Webchannel des Kanzlers filmte, drehte sich, wie vereinbart, samt Scheinwerfer ins Publikum und leuchtete ein älteres Ehepaar an, von dem nun alle annahmen, es seien die Eltern von „Nijo“. Die beiden Schauspieler lächelten verlegen, wie es vorab ausgemacht worden war, dann schwenkten die Scheinwerfer wieder weg. Als später ein paar Reporter die vermeintlichen Eltern von „Nijo“ zu suchen begannen, fanden sie weder Papa noch Mama, was daran gelegen sein könnte, dass die beiden unmittelbar nach dem Kameraschwenk von einem Mitarbeiter des Kanzleramts aus dem Garten geleitet wurden, die vereinbarten je 200 Euro Gage kassierten und sich auf den Heimweg machten, vielleicht auch um „Big Bang Theory“ zu schauen oder Halma zu spielen.